Erdoganskala – Definition des Charakters im freien Fall

 

Es gibt eine Richterskala,  die in der Seismologie zum Vergleich der Stärke von Erdbeben herangezogen wird. Theoretisch ist die Richterskala nach oben unbegrenzt, die physischen Eigenschaften der Erdkruste machen aber ein Auftreten von Erdbeben der Stärke 9,5 oder höher nahezu unmöglich.

Seit einiger Zeit tüftelt ein osmanischer Demagoge an einer Werteskala für Charakter. So wie es scheint, darf man sich schon zur Gratulation anstellen, die ersten Ergebnisse sehen recht vielversprechend aus. Die nach unten offene Erdoganskala, die im Gegensatz zur Richterskala keine erkennbaren Grenzen erkennen lässt, nimmt Gestalt an. Beeindruckend, die schon heute dokumentierten Ausschläge nach unten und es ist zu vermuten, dass der Tiefpunkt noch lange nicht erreicht ist.
Gratulieren wir diesem kühnen Forschergeist, der uns lehrt, wie tief ein Charakter fallen kann und hoffen, dass die Skala nach unten wirklich offen ist, nicht dass er sich seinen Arsch beim Aufschlag beschädigt. Das wäre wirklich ein großes Unglück für die Welt.

Definition Charakter:

Unter Charakter versteht man traditionell in der modernen Psychologie diejenigen persönlichen Kompetenzen, die die Voraussetzung für ein moralisches Verhalten bilden.

Klaus Schneider März 2017

Stellenwert der freien Presse

 

Freie Presse ist ein wesentlicher Garant einer Demokratie. Sie sorgt unter dem Grundrecht der Meinungsfreiheit für die Vielfalt von Meinungen, Ansichten, ohne die der Indoktrination einer Staatsführung, Tür und Tor offen stünde. Der Weg in ein Präsidialsystem oder eine Diktatur wäre ohne eine umfassende Information über die Machenschaften solcher Bestrebungen, kein steiniger für die politischen Strippenzieher.

Die freie Presse darf sich auch irren, oder ihre Sicht der Dinge zuungunsten einer „objektiven“ Berichterstattung in ein gefälligeres Licht rücken, solange eine Meinungs-vielfalt dies aufwiegt und gegebenenfalls neutralisiert. Ein Journalist, ein Schreiber wird immer aus seiner Perspektive die Dinge erfassen, sie in Relation zu bereits kategorisierten Hypothesen aus seinem Erfahrungspool stellen und daraus seine Erkenntnis formulieren. Diese kann nicht objektiv sein, sie ist subjektiv, vom Subjekt, dem Schreiber kreiert und nicht von dem Objekt, über das er schreibt.

Das ist genau derselbe Vorgang, den jeder täglich, ob bewusst oder meist unbewusst, zelebriert. Ein Mensch bewertet Situationen, Menschen, Meinungen nach seinem Verstand, mehr hat er nicht zur Verfügung. Er bewertet die Dinge nicht, wie sie sind, oder was sie zu sein scheinen, sie sind so, wie sie der Betrachter nach seinem persönlichen Gusto erfasst. Die Menschen besitzen kein normiertes Erkenntnis-vermögen, aber sie sind in der Lage, einige jedenfalls, die Bewertungskriterien mit jedem neuen Eindruck, jeder konträren Meinung zu aktualisieren, zu revidieren oder sich bestätigt zu sehen.

Die andere Klientel, die solchem Gedankengut fassungslos gegenübersteht, setzt lediglich ihre kümmerlichen Reste von Intellekt ein, um in stupider Einfalt auf die Straße zu gehen und monoton das Wort Lügenpresse, Lügenpresse … zum Besten zu geben. Ein Wort, so inhaltsleer wie die Geister der intellektreduzierten Brüllaffen, die fasziniert von der armseligen Monotonie ihres „Protestgebrülls“, jeder Diskussion mit Vertretern dieser „Lügenpresse“ eine Absage erteilen. Da könnte man Reste eines marginal vorhandenen Verstandes vermuten, oder ist es nur instinktiver Argwohn bei einer verbalen Auseinandersetzung sich bis auf die volksdümmlichen Knochen zu blamieren?

Klaus Schneider März 2017

Causa Trump – eine Analogie zu globaler politischer Entwicklung

 

 

Nachdenken anstatt Häme

Die Vereinigten Staaten von Amerika polarisieren, ein Umstand, der Sachverhalte oder Personen von allgemeinem Interesse oft charakterisiert. „Everybody`s Darling“ zu sein, wäre ein kontroverses Anliegen einer globalen Militär- und Wirtschafts-macht. Sie lernten wohl mit diesem Stigma der Macht zu leben, wenigstens der bildungsnahe Teil dieser Nation, dem es nicht fremd erscheint, dass noch gleichwertige Zivilisationen außerhalb ihrer Hemisphäre existieren. Amerika verzichtet auf den Beifall, die Akzeptanz der Welt. Ihr globaler Stellenwert suggeriert ihnen wohl den Nimbus absoluter kultureller und wirtschaftlicher Dominanz. Diese egozentrischen Annahme prägte das Selbstwertgefühl dieser Nation, auch wenn sie dieser  Rolle selten souverän gerecht werden konnte.  Dennoch, diesen USA, das sollten wir nie vergessen, verdanken wir das heutige freie Europa.

Dies ist sicherlich kein Grund in unterwürfiger Dankbarkeit zu verharren. Ebenso armselig wäre es jedoch in Hohngelächter auszubrechen, wenn ein einzelnes Individuum, welches  zwar die Hälfte der Amerikaner wählte, doch nicht zu vergessen, die andere Hälfte wählte es nicht, in der Lage ist, die Werte einer Nation zugunsten einer bornierten Selbstsucht zu demontieren. Emanzipierte, zukunftsfähige Gemeinschaften müssen jedoch die Fähigkeit besitzen sich zu erneuern, und wie die Causa Trump belegt, sie sollten dies auch dringend umsetzen.

Europa wäre gut beraten, dieses Missgeschick einer beständigen und stabilen Demokratie als Warnung zu sehen. Bürger eines Staates möchten ihre Wertigkeit erfahren, nicht nur in den Zeiten, in denen um ihre Stimme gebuhlt wird. Ist dies nicht der Fall, neigen sie dazu, ihre Sympathie irgendeiner lautstark polternden Alternative zu schenken. Ob dies letztendlich gut für sie ist, wissen sie nicht, ist ihnen zuweilen auch gleichgültig. Sie erkennen nur, dass sie das etablierte, politische System ablehnen. Ein risikoreiches gedankliches Konstrukt, das über das Potenzial verfügt, Katastrophen Tür und Tor zu öffnen. Das globale Politsystem ist sehr labil, bei gravierenden Störungen drohen weltweite, irreversible Schäden. Es ist zu hoffen, dass eine selbstkritische Reflexion der eigenen Zustände und Perspektiven über einer perfiden Häme steht, die keinen weiteren Sinn aufzeigt, als eine seichte Schadenfreude zu befriedigen.

Klaus Schneider Februar 2017

Europa – Ein Plädoyer für ein vereintes Europa

Ein Plädoyer für ein vereintes Europa

Europas historisches Desaster zur Stunde Null, im Frühjahr 1945. Ein Trümmer- und Gräberfeld umhüllt von giftigen Schwaden Ressentiments, Hass, Zorn, Rache. Wer will den Überlebenden dieses Massakers, den in ihrer Angst, ihrem Schmerz und Leid gefangenen Menschen, ihre Gefühle verdenken. Doch die Zeit kennt kein Verharren, sie interessiert sich nicht für die Befindlichkeiten von Menschen, sie bewegt sich in kontinuierlichem Rhythmus fort, mit oder ohne die sie temporär begleitenden Menschen. Nach einem solchen Exodus der Menschlichkeit, Vernunft, Verstand, jeder Art von Moral, brauchte es Visionäre, die einen Weg in eine praktikable, taugliche Zukunft aufzeigen. Europa verfügte über diese visionären Geister. Was für Motive sie, die Gründungsväter der Europäischen Union bewegten, waren sie nun pragmatischer oder idealistischer Art, ist ohne Belang, das Ergebnis war das bis dahin Beste, was dieser Kontinent  jemals zustande brachte.  Kaum 5 Jahre nach der Katastrophe beginnt im Westen, des zwischen den Machtblöcken aufgeteilten Europa, mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die wirtschaftliche und politische Vereinigung der europäischen Länder zur Sicherung eines dauerhaften Friedens. Zu vermuten ist, dass der überstandene, doch in den Gefühlen der Menschen noch unbewältigte Leidensdruck, eine Konsolidierung des Kontinents mit stabilisierenden Rahmenbedingungen sich als einzig erfolgsversprechenden Weg anbot und auch so verstanden wurde. Die Völker dieses historisch- kulturellen Gebildes Europa mussten vor sich selbst beschützt werden.

Das, was nun folgte, ist erstaunlich und keineswegs so selbstverständlich, wie es heute erscheint. Menschen, Nationen, die sich noch vor 5, 6 Jahren unversöhnlich gegenüberstanden, die Verbrechen in verblendeter Ideologie verübten und jene, die sie erdulden mussten, kooperierten miteinander. Vorläufig beschränkte sich die Annäherung auf eine praktisch, symbolische wirtschaftliche Kooperation. Die kriegswichtigen Schlüsselindustrien Kohle und Stahl wurden instrumentalisiert, in eine europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl eingebracht, ein Symbol und erster Verzicht staatlicher Souveränität, zugunsten von Versöhnung und Frieden. Unter dem Druck der Spannungen zwischen Ost und West, einer realen Beurteilung des weltpolitischen Rankings autonomer europäischer Staaten, folgten im Laufe der Jahrzehnte weitere Verflechtungen, die in die heutige Europäische Union führten.

Es waren alles realpolitische Entscheidungen, keine emotionale Verbundenheit der Völker bahnte dieser Union den Weg. Ob eine wirkliche Aussöhnung der Kriegsgegner jemals stattfand, ist zu bezweifeln, ein zeitweiliges Vergessen vielleicht. Ob es ohne das Ost-West-Konfliktpotenzial zu einer solchen homogenen, stabilen Union, gekommen wäre, bleibt ebenfalls dahingestellt. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass der Verursacher und Verlierer des letzten Weltkrieges, Deutschland, ohne eine solche wirtschaftliche Harmonie mit seinen Nachbarn, diesen ökonomischen Aufschwung, auch als Wirtschaftswunder bezeichnet,  zu Wege gebracht hätte. Es ist auch zu bezweifeln, dass Europa ohne seine Union, die Herausforderungen und Risiken des 20. Jahrhunderts bis heute, einschließlich der Konsolidierung des Kontinents nach dem Zerfall des Ostblocks, in dieser verträglichen Weise bewältigt hätte.

Die Europäische Union ist eine Erfolgsgeschichte, ohne Wenn und Aber. Gemessen wird ein Erfolg am erreichten Ziel, weniger an seinem Zustandekommen –  und das sind siebzig Jahre Frieden, wirtschaftliche und soziale Standards, die bei aller berechtigter Kritik, weltweit Maßstäbe setzen. Was spielt es denn für eine Rolle, ob die Europäische Kommission nun die Krümmungs-radien von Bananen normiert und was den Brüssler Bürokraten noch so an Albernheiten einfiel, nehmen wir es mit Humor, lachen wir gemeinsam. Bewältigen wir auch gemeinsam die derzeitigen und kommenden Krisen dieser Welt. Sie werden kommen und kein Wilders, keine Marine Le Pen, kein Johnson, keine AfD verfügen über schlüssige Konzepte wie ihre Länder, diese unbedeutenden Kleckse auf dem Globus, in einem zerstückeltes Europa, ohne stabile Koalitionen, irgendein elementares Interesse ihres Landes global durchsetzen könnten. Es sind allesamt visionäre Dilettanten, perfide Verführer ihrer Wähler und letztendlich Vasallen einer globalen Macht, sei es nun Russland, Amerika oder China, den verbleibenden Global Players, wird Europa auf dem Altar nationalistischer Einfältigkeit geopfert. Dem europäischen Wahlvolk sollte diese Metapher zu denken geben: Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Glatteis. Beleben wir lieber dieses Europa, es ist unser Kontinent und die gemeinsame Wiege unserer Identität bei aller Verschiedenheit, die uns zu trennen scheint. Gestalten wir dieses Europa offen und frei, ein Gebilde, das sich lieben lässt, es wird sich lohnen.

Klaus Schneider Februar 2017

Der Fall Europa

                                         Der Abstieg Europas

Der europäische Imperialismus endet in der Katastrophe zweier Weltkriege und dem Zerfall als globale Macht.

Entscheidend zur Destabilisierung des Kontinents trugen die Verän-derungen in seiner Mitte bei. Deutschland, dieser aus 36 souveränen Einzelstaaten bestehende Staatenbund, in den vergangenen Jahrhunderten kein erstzunehmender machtpolitischer Faktor in Europa, fand, nicht durch den Willen des Volkes, sondern durch machtpolitische Interessen Preußens, 1871 zu einer Einheit. Die politische Instabilität, als Folge der Reorganisation totalitärer Machtstrukturen in Europa, kam denen Staaten zugute, deren politisches Kalkül sich nicht auf kurzfristige Positionierung beschränkte oder durch die Umstände beschränkt wurde. Auf dem Kontinent war dies Preußen, das zielstrebig seine Position ausweitete, keine Konflikte und militärische Auseinandersetzungen scheute, wenn diese sich als risikowürdig, bezogen auf die Zielsetzung, erwiesen. Mit Erfolg. Nach der Niederlage des internen Konkurrenten Österreich um die Macht in der Familie ,stand nach der Niederlage Frankreichs 1871 der Gründung des Deutschen Reiches unter der Führung Preußens nichts mehr im Wege. Ein politisches, wirtschaftliches und militärisches Schwergewicht besetzte nun, vor allem auf Kosten Frankreichs, die Mitte Europas. Als Zukunft fähiges, wirtschaftlich und militärisch potentes Gegengewicht existierte lediglich noch England.

Mit der deutschen Einigung von 1871 entstand ein Wirtschaftsraum von erheblicher Bedeutung. Um 1900 war Deutschland auf dem Kontinent die führende Industriemacht. England, die globale führende wirtschaftliche und imperiale Macht, sah die „balance of power“ auf dem Kontinent bedroht, der Ursprung der deutsch-britischen Rivalität. Wechselnde Bündnisse der europäischen Mächte und diplomatische Winkelzüge sollten in der Folgezeit bis zum 1. Weltkrieg diese Balance sichern. Den Burgfrieden sicherte jedoch weit mehr eine wirtschaftlich fundierte Weltpolitik, in die das Deutsche Reich auf vielseitige Weise eingebunden war. Der europäische Imperialismus stand in seiner höchsten Blüte, seine Profiteure vertrugen sich, weniger aus Zuneigung, mehr aus pragmatischer Einsicht. Der Versuch scheiterte, als ein immenser Einbruch dem Globalisierungsschub ein Ende bereitete und die politischen Empfindlichkeiten, mangels gemeinsamen Interessen, wieder zusehends kollidierten. Die Staaten Europas besannen sich wieder auf die Machenschaften, wo ihre Stärken lagen, sie räumten ihrem bornierten Nationaldünkel einen „Platz an der Sonne“ ein. Der Fokus richtete sich in inniger Neigung wieder auf die Vorherrschaft in Europa.

Den Katastrophen des 20. Jahrhunderts standen nun Tür und Tor offen. Die populäre Vorstellung nationaler Herrlichkeiten, die Inszenierung nationaler Größe wirkte belebend auf die Menschen Europas. Ein Bypass, der geschickt eingesetzt, die Empfindlichkeiten und Verun-sicherungen der rasanten Um- widmung und Veränderung etablierter Werte ableiten und nutzbringend auffangen konnte. Die Machthaber Europas bedienten, einmal mehr, einmal weniger, sich dieser Offerte des einfach strukturierten, stumpfen Volksempfindens. Die Ritualisierung nationaler Größe wurde bis zur blamablen Lächerlichkeit inszeniert. Mit der Perfektionierung dieser Unsitte setzte sich besonders Deutschland ein Denkmal für die Ewigkeit. Vernunft, Verstand, Moral, Menschlichkeit waren hinderlich, sie lösten sich bald im großen völkischen Topf der Dummheit auf. Des Volkes Wille, so dachten die naiven Massen, sei nun die Legimitation für neue Moralitäten. Die Dummköpfe, sie folgten lediglich einer vulgären Suggestion der Rattenfänger ihrer Zeit. Rattenfänger mit marginal visionärerem Weit- und Überblick und völlig entblößt von jeder humanen Qualität. Das Resultat verantwortungslosem Nationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann sich sehen lassen, in 31 Jahren waren 70 000 000 Tote (in Worten siebzig Millionen) für nationale und rassistische Entgleisungen der Gesellschaften zu beklagen.

Europa war zerstört, die Sieger, nach kurzem Siegestaumel von der unschönen Realität eines zerstörten Kontinents eingeholt, fanden sich in der Gemeinschaft desillusionierter, Sieger wie Verlierer wieder. 70 Millionen Tote, unbeschreibliches Leid, ein zerstörter Kontinent und der Verlust globaler Bedeutung. Der horrende Preis für nationalistische Arroganz und Dummheit: Zerstörung, Leid, Tod und die Reduktion menschlicher Würde bis zur Unkenntlichkeit. War das lehrreich genug um künftigen Generationen aufzuzeigen in welchen Ideologien die Lösungen für ein friedliches Europa zu suchen sind?

Klaus Schneider Februar 2017