Freiheit – Willkür und Corona

 

Es scheint in paradoxer Weise, gerade in dieser existenziellen Krise, dass ansonsten gefügige Bürgerseelen sich ihrer Freiheitsrechte zu erinnern und diese lautstark einfordern. Im Prinzip ein lobenswertes Begehren, ein Anliegen, das im Bann einer devoten Wachstumsgläubigkeit die letzten fünfzig – sechzig Jahre selten einen Ausdruck in Form einer dezidiert, kategorischen Forderung fand.

Warum gerade jetzt, wo die materielle und gesellschaftliche Teilhabe an den Freuden des Daseins, die Basis des Glaubens an ein immerwährendes Leben in Saus und Braus, das per Pedum mobile eines sich selbst erhaltenden Wachstums, kurz davor steht seine wundersamen Eigenschaften zu verlieren? Öffnet sich diesen Geistern, mit der Angst im Nacken alles das zu verlieren was ihnen ihr Leben lebenswert erscheinen lässt, nun der Blick für die schale Einfältigkeit ihres jahrzehntelangen Kniefalls vor jeder „systemrelevanten Einschränkung ihrer Rechte, oder sind sie einfach zu dumm diese, globale, existenzbedrohende Krisensituation in ihrem gesamten Ausmaß zu erfassen um die temporären Einschnitte in ihre trügerische, vermeintliche Freiheit zu akzeptieren, existenz- und Überlebens-sichernde Einschränkungen unter Begrenzung von lediglich sekundären Freiheitsrechten zu tolerieren?

Von was für einer Freiheit ist überhaupt die Rede, fordern diese Menschen ein? Sicher nicht von den Idealen die den Begriff Freiheit dem Wesen nach begründen und definieren. Freiheit ist das primäre Prinzip mit dem der Mensch, als ein sich selbst bewusstes Subjekt denken und handeln kann. Freiheit ist autonom, sie ist ein Anspruch an sich selbst, dass das, was man tut, nicht dadurch bestimmt ist, dass dies einem von einem anderen oder von irgendetwas anderem, vorgegeben ist, sondern seinen letzten Grund in einem selbst hat. Eine Handlung, die deswegen geschieht, weil diese Handlung gut und richtig ist. Das heißt, dass es nichts mit Freiheit zu tun hat, ob die Wahlmöglichkeit zwischen einer Maske zu tragen oder nicht besteht, ob diese Entscheidung auf freier Willensentscheidung beruht oder nicht. Sondern es geht vielmehr um Freiheit als die Fähigkeit, sich, sein Handeln, durch einen unbedingten Grund der Vernunft zu bestimmen. Dieser unbedingte Grund ist der Schlüssel zu der Freiheit, sich nach gebotener Vernunft frei zu entscheiden. Es existiert kein bedingter Grund, der eine Willensentscheidung beeinflusst, weder Angst noch die Sorge um Befindlichkeiten bedingen eine Ansicht der Dinge, sondern allein die Vernunft, bedingt ein allgemein verbindliches, richtiges Handeln. Die Vernunft, die nach dem kategorischen Imperativ von Kant ausgerichtet ist: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte“. Es ist bei den aktuellen Rufen nach Freiheit ein Freiheitsbegriff im Spiel der die Willkürfreiheit als Freiheit, bei der jeder das tun kann, was er tun möchte, postuliert. Eine Freiheit ohne Vernunft ist keine Freiheit, sie ist Willkür wider jeder praktischen Vernunft, ein Irrweg der in Chaos und Selbstzerstörung und letzten Endes zur Unfreiheit führt.

Klaus Schneider Oktober 2020

Corona- Covid 19 ein Virus und die entsolidarisierten Gesellschaften

 

Auch einem pragmatischen Zweckoptimisten macht es ein ungutes Gefühl, blickt er auf die vergangenen Monate zurück, die seit der Reaktion der Gesellschaft mit ihren Institutionen, auf die Corona-Pandemie vergingen. Bei allem Verständnis, das möglichen menschlichen Handlungsoptionen eingeräumt werden muss, zeigt die Reflexion auf das Tun, den Umgang mit der Herausforderung einer existenziellen Krise an den menschlichen Intellekt, an die mögliche menschliche Vernunft, ein katastrophales Bild auf.

Die Menschen zeigen sich, durch alle Gesellschaftsschichten, heillos überfordert in ihrer Verpflichtung als Teil einer Gesellschaft, die Verantwortung für deren Permanenz zu übernehmen. Für die Anderen von nahestehenden, sozialen Gemeinschaften, sieht es, je länger persönliche Einschränkungen zu verspüren sind, nicht viel besser aus. Die Identifikation des Einzelnen mit der Gesellschaft, die seine Existenz sichert, ist die grundlegende Basis zum Erhalt einer jeden Gesellschaft, besonders in Zeiten von existenziellen Krisen. Diese Forderung an den Einzelnen und die Gesellschaft, wird unter dem komplexen Begriff Solidarität verallgemeinert und je weiter die Moderne fortschreitet, missverstanden.

Solidarität ist vielschichtig, solange sie dem Individuum zukommt, gerne von ihm angenommen, wie die soziale Absicherung der Solidargemeinschaft selten zu Disposition steht. Sollte jedoch Solidarität von dem Individuum gefordert werden, tut es sich immens schwer damit. Solidarität erfordert zunächst merklich die Rücknahme eigener Interessen zugunsten der Allgemeinheit. Ein Tabubruch mit gesellschaftlich tradierten Verhaltensoptionen in Zeiten der Renaissance neoliberaler Ideologien. Dass  sich Solidarität letzten Endes zum eigenen Vorteil erweisen kann, wäre mit durchschnittlichem Intellekt zwar zu erkennen, wäre, wenn nicht mit der Reduktion der Solidarität der Menschen untereinander, auch der Blick für die Gesellschaft als Ganzes, keine klaren Konturen mehr aufweisen kann.

Die sichtbaren desolaten und den menschlichen Intellekt beschämenden Verhaltensstrategien von Staat und Gesellschaft sind das Produkt der grundlegend marktkonform entsolidarisierten Gesellschaft. Den Anderen der Gesellschaft als Konkurrenten zu betrachten, den es zu überflügeln gilt, war und ist das Credo neoliberaler Ideologie, die heute ohne Zweifel Priorität in den Handlungsoptionen der Menschen besitzt. Erfolg wurde als goldener Weg des postmodernen Menschen installiert und analog der Erfolglose als Versager stigmatisiert. Einer zwischenmenschlichen Solidargemeinschaft wird von den Verfechtern marktwirtschaftlich konformer Strategien, zugunsten einer Solidarisierung mit den Kriterien von andauerndem wirtschaftlichen Wachstum, jeglicher verwertbarer Nutzen abgesprochen.

Es ist kaum noch zu übersehen, dass der so modellierte, postmoderne Mensch, eklatante Mängel aufweist. Krisen, von solchem Ausmaß, steht er hilflos gegenüber, denn das, was sein Dasein lebenswert macht, ist zum großen Teil materieller Art und vor allem, es kommt ihm lediglich von außen zu. Er selbst ist ohne inneren, moralischen Wert, ein Konsument gerade gut genug dem stetigen Wirtschaftswachstum vielfältig als Humankapital, Konsument und ethische Rechtfertigung dienlich zu sein.

Bewahre uns das Schicksal vor wirklichen existenziellen Krisen, Krisen, die den Fortbestand der Gesellschaften in der heutiger Konstellation gefährden. Es sind Zweifel angebracht, ob die Menschen, insbesondere diejenigen in den Industrienationen, sich unter veränderten, negativen Vorgaben, neu zu formieren in der Lage sind oder ob sie sich im Chaos veränderter Lebensbedingungen sich ihrer Bedeutungslosigkeit bewusst und ihr Selbstverständnis, das, was sie zu Menschen macht, verlieren.

Klaus Schneider August 2020

Solidarität.

 

In Zeiten einer existenzbedrohenden Pandemie, die keine Unterscheidung kennt, scheint der Begriff Solidarität eine Renaissance zu erleben. Ein Relikt vergangener, von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geprägter Zeit, ist über Nacht zu einer unverzichtbaren Bedingung einer möglichen Zukunft mutiert.
Solidarität, besitzt dieses Wort nicht einen seltsamem Klang, besonders im rechten Ohr neoliberaler Apostel und derer naiven Anhänger?
Solidarität, ist das nicht der Begriff, dessen ideologischer Gehalt als untragbar für die Leistungsfähigkeit einer Industriegesellschaft diskreditiert wurde?
Solidarität, ist das nicht der Begriff, der von ganzen Gesellschaften einer zügellosen Konsumsucht zum Fraß vorgeworfen wurde?
Solidarität, war der Begriff in der Debatte um eine, die die Würde achtende, existenzielle Sicherstellung von finanziell schwach gestellten sozialen Schichten, zu hören? – Altersarmut, Dauerarbeitslosigkeit, Krankheit.
Von einer beständigen Solidarität mit Fremden, Flüchtlingen und den anderen Millionen Verlieren der Globalisierung, protektionistischer Handelspolitik und des Klimawandels, gar nicht zu reden.

Nicht Solidarität, sondern Gier und Neid prägte die letzten Jahrzehnte das Denken und Handeln der Gesellschaften. Stimuliert und aufgeputscht von gewinnsüchtigen Investoren, arroganten Industriemagnaten und deren Lakaien, einer Meute korrumpierter Politikerseelen. Leistung um jeden Preis, auch den der Entsolidarisierung einer Gesellschaft, war das monotone Credo maßgeblicher Agitatoren der Gesellschaft.

Aus diesem verdorbenen Substrat soll Solidarität gedeihen? Eine beständige Solidarität sicher nicht, die pure Angst um das eigene Leben lässt eine marginale, sich mehr selbst schützende, Solidarität aufkeimen. Ein temporärer Akt, der mit einem Ende der Pandemie, wie dieses Ende sich auch immer gestaltet, nicht verschwinden wird. Die Jahrzehnte lange Indoktrination wider jeder Solidarität wird ihre Früchte tragen, sie werden uns nicht schmecken und der Preis wird so hoch, dass wir sie uns kaum leisten können.

Klaus Schneider März 2020