Werte im Wandel

 

Werte benennen im generellen Sprachverständnis die Attribute bzw. qualitative Eigenschaften, die allgemein den Dingen, praktischen bzw. sittlichen Idealen und Ideen, existierenden Gegebenheiten und Charaktereigenschaften beigemessen werden.
Werte bilden sich aus den temporären Wertvorstellungen, dem Zeitgeist einer Gesellschaft. Dieses, mit dem Nützlichkeitsprinzip gesellschaftlicher Stabilität koalierende Wertesystem, bemisst so den Wert oder Unwert von Handlungs- und Verhaltensmustern von Entwicklungen und deren Tendenzen. Beansprucht ein Wertesystem einen absoluten Anspruch auf Wahrheit, pervertiert es sich selbst, es verliert an universellem Wert und verkommt zu einer starren, lebensfeindlichen Ideologie.

Dieses Risiko bergen heute mehr denn je die Entwicklungen, einer sich selbst exponentiell entwickelnden Technik. Einer Technik, deren Systeme und ihre Funktionsweise nicht mehr verstanden, sondern lediglich konsumiert wird.

Die Menschheit sollte sich nicht dem Irrglauben hingeben, dass das Fortschreiten einer technischen Entwicklung mit einem Zuwachs, dem Menschen zuträglichen Werten, verbunden ist. Die Werte, die einer technischen Entwicklung förderlich sind, sind inhuman, seelenlos. Es sind dem technomorphen Nutzer verführerische Werte, berechenbar, klar strukturiert, normiert, doch ebenso kalt, gleichgültig gegenüber menschlicher Emotion.

Der fast neurotische Zwang alles zu realisieren, was technisch möglich erscheint, setzt ein „Perpetuum mobile“ des Begehrens in Gang, was letzten Endes den Menschen als unkalkulierbares, unprofitables Objekt an den Rand der Nutzlosigkeit drängt.

Entwicklungen kultureller und technischer Art können neue Werte schaffen. Die Qualität so generierter Werte ist jedoch nicht per se gut. Es liegt im Interesse der Menschen, diese Werte ihren Bedürfnissen anzugleichen und nicht ihre Bedürfnisse dem Diktat vordergründig, bequemer Werte zu opfern.

Klaus Schneider April 2019

Mensch sein

Wie Menschliches zustande kommen könnte und warum es nie zustande kommen wird. (aus „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ Albert Schweitzer 1875-1965)

Der 1875 im Elsass geborene Theologe, Philosoph und Arzt, bekannt als Urwaldarzt von Lambarene, zeigt in seinem Buch  „Ehrfurcht vor dem Leben“, auf, wie eine taugliche Ethik beschaffen sein muss. Er führt konsequente, ethische Grundsätze an, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.
Ethische Prinzipien, die keiner Religion oder Philosophie zu ihrer Legitimation bedürfen, da sie in sich schlüssig und plausibel erscheinen. Die auch keiner Korrektur und Adaption an temporäre Moralitäten bedürfen.
Das ethische Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben ist einfach, zeitlos, universell und doch so prekär in seiner Anforderung, dass diese vom real existierenden, menschlichen Intellekt, kaum umzusetzen ist.
Gut ist, Leben zu erhalten – schlecht ist, Leben zu hemmen und Leben zu zerstören.
Moralisch handelt der Mensch, wenn er sich von seinem bloßen Selbstbezug befreit, die Fremd- und Eigenheiten der anderen Wesen als gleichwertig erkennt, sie miterlebt und mit erleidet. Erst mit diesem Stand der Erkenntnis ist der Mensch das herausragende Geschöpf der Natur. Nur so besitzt er eine Moral oder ein Wertesystem, das ihn von der Natur, der auch er entstammt, wesentlich abhebt. So erhält er ein zeitloses, universelles Wertesystem, eine einfache, plausible Moral, geignet zur Bewertung aller Ideologien, Religionen und seines eigenen Verhaltens.

Die Ehrfurcht oder der Respekt vor dem Leben, vor allem Leben, ist ein Novum in der Natur dieser Erde. Denn die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt Leben hervor und zerstört es. Ob sie es sinnvoll, nach unbekannten Gesetzen tut oder nach dem Zufallsprinzip, ist bis heute nicht schlüssig ergründet. Über alle Stufen des Lebens, der Lebewesen bis zum Menschen, lastet eine markante Unwissenheit. Außer dem unbedingten Willen zum eigenen Leben und bei den Säugetieren noch der Sorge um die eigene Brut, sind sie zu keinem empathischen Verhalten gegenüber anderen Lebewesen fähig. Zu mehr taugt ihr Instinkt nicht. Sie leiden wie alle Wesen, sind aber unfähig das Leiden anderer Lebewesen zu empfinden. Andere Lebewesen der Natur, wie Bakterien und Vieren verfügen, nach heutigem Wissensstand, über keinerlei Bewusstsein, sie existieren und vergehen, erhalten oder vernichten Leben, nicht mehr und nicht weniger. Die Lebewesen der Natur sind schuldlos schuldig, sie sind teleonom auf die Erhaltung ihrer Existenz programmiert, ein „par excellence“ egoistisches Spezifikum.

Klaus Schneider Oktober 2018