Chemnitz ist überall – die Logik einer verfehlten Politik. Teil 1

  1. Akt
    Irak, Syrien, eine Region ohne stabile politische Strukturen. Die Folge einer dilettantischen US- amerikanischen Politik, die ohne ein tragfähiges, politisches Konzept, nach dem Sieg über die Hussein Diktatur, die Region sich selbst überließ. Dem Sieger genügte das Erreichen marginaler Wirtschaftsziele, der Kriegsvorwand, eine Diktatur mit Massenvernichtungswaffen zu stürzen, entlarvte sich als Lüge. In Folge des entstandenen Machtvakuums bilden sich undurchsichtige, widersprüchliche Allianzen, die Ressentiments zweier verfeindeter Glaubensgemeinschaften schaffen sich Raum. Die Zeit der Rache, der Revanche für jahrzehntelange Repression, ließ politischer Vernunft keine Chance.

In diesem Vakuum von Vernunft und Rationalität etabliert sich eine Terrormiliz, aus der der Islamische Staat entstand. Dieser erobert weite Gebiete und wird zu einem Machtfaktor der Region. Eine Region in sich zerrissen, gespalten in unversöhnliche religiöse Gruppen, hatte aus eigener Kraft diesem Islamischer Staat und seinen militärischen Strukturen wenig entgegenzusetzen.

Akt 2
Das Kind war in den Brunnen gefallen. Die Region destabilisiert. Untaugliche, temporäre Allianzen zur Bekämpfung des Islamischen Staates wurden geschlossen. Zögerliches Verhalten des Westens, der EU, der Nato, nur nicht die Finger verbrennen, wo es nichts zu gewinnen gab. Auch keine konsequente Reaktion als in Syrien ein Aufstand gegen den Diktator Baschar al-Assad ausbrach, eine Folge eines Jahrzehnte währenden Staatsterrors des Assadclans und der aktuell entstandenen Destabilisierung dieser Diktatur durch die Milizen des Islamischen Staates. Der Diktator führte in Folge mit Unterstützung Putins einen Krieg gegen einen großen Teil der eigenen Bevölkerung. Die Infrastruktur, die Lebensgrundlage von Millionen Menschen wurde zerbombt, zerstört bis sie faktisch wegbrach. Millionen Syrer bleibt nur die Flucht aus den Kriegsgebieten, die meisten bewohnbaren Teile des Landes waren Kriegsgebiete.

Akt 3
Nachbarländer, selbst nicht wirtschaftlich und politisch stabil, wurden zum ersten Ziel der syrischen Flüchtlinge. Die Versorgung dieser Menschen konnten diese Staaten nicht sicherstellen. Es überforderte sie finanziell und strukturell. Die UNHCR, die UNO-Flüchtlingshilfe bat die Industriestaaten um finanzielle Hilfe zur Ernährung und Versorgung dieser Kriegsflüchtlinge in den Lagern vor Ort. Die Reaktion war beschämend. Ausreden, Ausflüchte, Zusagen, die nie in vollem Umfang eingehalten werden.
An diesem Punkt wandelt sich die bornierte Ignoranz der politisch Verantwortlichen in den Industriestaaten in handfeste Dummheit. Es stellt sich hier die Frage, was für visionslose, Intellekt reduzierte Cliquen von Profilneurotikern regieren diese Länder?

Akt 4
Es kam, was kommen musste. Menschen die nichts mehr, außer ihrem Leben, zu verlieren hatten, reagierten. „Wenn uns die reichen Staaten hier nicht helfen, dann gehen wir dorthin, wo das Überleben eine reelle Chance hat! Was haben wir zu verlieren, außer unser Leben? Das Risiko hier zu sterben, ist, wenn wir bleiben, ungleich höher“. Eine legitime, menschliche Reaktion, erprobt und für praktikabel befunden seit Tausenden von Jahren bei den Völkerwanderungen quer durch alle Himmelsrichtungen. Der Überlebenswille ist genetisch festgeschrieben, ein Teil des menschlichen Wesens. Wer, bei halbwegs brauchbarem Verstand, will einem Menschen seinen Willen zum Überleben vorhalten?
Sie machten sich auf die Flucht, eine Reise, deren Strapazen sich kein Bewohner der Speckgürtel dieser Erde, auch nur annähernd vorstellen kann. Kein Outdoor Abenteuer mit abendlicher Komfortzone, ein Trip auf Leben und Tod, ohne Sicherungsleine. Die Teilnehmer waren Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Frauen und Männer jeden Alters. Tausende kamen um, aber hunderttausende kamen an, schafften den Weg. Geschätzte 1.3 Mio. Menschen erreichten Europa. Nicht alles Bürgerkriegsflüchtlinge, doch der gedankliche Sog einer solchen Strömung lässt sich nicht eindämmen, er erfasste auch Menschen aus anderen Teilen der Peripherie Europas, die keine Perspektive auf eine menschenwürdige Existenz in ihrem Land sahen. Warum sollten sie es nicht versuchen, würden wir anders handeln? (Fortsetzung folgt)

Klaus Schneider September 2018

 

 

Europa – Chance oder Fluch der Geschichte

Teil 1 Wie alles begann

Europa, ein Subkontinent, der mit Asien zusammen den Kontinent Eurasien bildet. Aus historisch kultureller Sicht wird Europa als eigenständiger Kontinent betrachtet. Diese historisch kulturellen Aspekte definieren Europa prägnanter als die geografisch schwierige Abgrenzung zu Asien. Seit Mitte des 20 Jahrhunderts  traten, aus zwingender Notwendigkeit, die zwei verheerende Weltkriege aufzeigten, noch politisch, wirtschaftliche und mit Gründung der Europäischen Union, auch rechtliche Analogien hinzu. Für dieses Gebilde Europa, mit seinen prägenden, meist fortlaufenden, teils sehr konträren Stammesgeschichten, sieht die Wissenschaft den Ursprung in der Jungsteinzeit (Neolithikum), eine Entwicklungsgeschichte von ca. 7 500 Jahren bis in die heutige Zeit.

Europas Mythos und Geschichte

Der Name des Kontinentes leitet seine Herkunft von einer schönen phönizischen Jungfrau und Königstochter ab. Göttervater Zeus bemerkte die Schöne, und da sein Hang zur weiblichen Schönheit sich oft seiner Kontrolle entzog, fühlte er den unwiderstehlichen Drang, seine Trophäensammlung diesbezüglich zu ergänzen. Um dem Argwohn seiner eifersüchtigen Gemahlin zu entgehen und das Zutrauen der schönen Jungfrau einzuheimsen, nahm er mit routiniert göttlicher Raffinesse die Gestalt eines Stieres mit weißem Fell an. Die Königstochter erblühte sogleich in Zuneigung zu dem edlen Tier und begann es zu liebkosen und setzte sich zuletzt noch auf seinen Rücken. Ein verzeihlicher Fehler, den der brunftige Göttervater schamlos ausnützte, und mit der zarten Beute auf dem Rücken losstürmte. Er durchquerte das Meer und erreichte schließlich Kreta. Dort zeigte er sich der Schönen in seiner ursprünglichen Gestalt, sie gefiel ihm wohl auch und so zeugten sie drei Kinder. Der fremde Erdteil wurde dem Mythos entsprechend und einer Verheißung der griechischen Göttin, Aphrodite, nach der schönen Europa benannt.

Die Geschichte Europas ist die Geschichte der westlichen Zivilisation, die allgemein als Maßstab für „Zivilisation“ an sich, angesehen wird. Sie entwickelte sich aus dem Mythos einer Götterwelt, dem Substrat geistig, kultureller Entwicklung vieler antiker Kulturen. Nach einer intellektuellen Emanzipation, bei der das Götterwesen infrage gestellt oder wenigstens einen dem praktischen Leben nur geringen rituellen Einfluss zugestanden wurde, entwickelte sich die Hochkultur der Griechen. Eine noch nie da gewesene kontinentale Kultur, mit einer Wissenschaft, die nach dem Wie auch nach dem Warum fragte, die Geburtsstunde einer erkenntnisfähigen Wissenschaft. Auch etablierten sich die politische Systeme, die heute, nach 2 500 Jahren, nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.

Unter dem didaktischem Einfluss griechischer Wissenschaftler und Künstler etablierte sich in dem, den Griechen nachfolgenden, Römischen Imperium, eine griechisch-römische Kultur. Für die Römer bedeutete die Vermengung mit einer höher entwickelten Kultur kein ideelles Problem, sie waren sehr anwendungs- bezogen veranlagt. Was besser war als die etablierten, traditionellen Positionen, wurde im Interesse der Macht, dem Reich einverleibt. Das Imperium gedieh unter solch sachbezogener Verwaltungspolitik – anstatt hemmender dogmatischer Ideologien, prächtig. Es entwickelte sich eine politisch, rechtlich, militärische und wirtschaftliche Genialität, die mit Entstehung der Römischen Republik über die Kaiserzeit fast 1000 Jahre Bestand hatte. Eine sehr lange Zeitdauer, die das kolonisierte Europa entscheidend prägte und formte. Ein Großteil Europas war römisch und entwickelte sich römisch auch aus Ermangelung einer konkurrenzfähigen eigenen Kultur. Eine bis heute sichtbare Tatsache, verdeutlicht an dem noch aktuellen Einfluss des römischen Rechts. Dieses weist einen hohen Abstraktionsgrad auf und verzichtet auf religiöse Legitimation, so dass es einer Anwendung auf die heute existenten Gesellschafts- und Wirtschaftsformen offen steht. In Deutschland ist das aktuelle bürgerliche Recht vom römischen Recht geprägt, was vor allem im Bürgerlichen Gesetzbuch ersichtlich wird.

Nachdem das Römische Reich gegen Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus das Christentum zur vorherrschenden Religion im Reich erklärte, ging infolge religiös, dogmatischer Pedanterie die griechische Kultur, insbesondere der Freigeist der Philosophie, in den Ruf der Gotteslästerei über. Sie kollidierte mit dieser  pupertierenden Religion, in deren Verständnis  jeder Gedanke an Toleranz als Gotteslästerei angesehen wurde und geriet im europäischen Raum für lange Zeit in Vergessenheit.

Die Wirren der Völkerwanderungszeit und Konflikte mit umherziehenden Stämmen führten gegen 500 nach Christus zum Untergang und Ende des Weströmischen Reiches (Das Römische Reich teilte sich 395 in die östliche Hälfte, Byzanz und die westliche Hälfte, Rom ) Infolge des Machtvakuums im Weströmischen Reich drangen die, mittlerweile kulturell hoch entwickelten Araber, gegen 700 nach Christus, über die Mittelmeerküste nach Spanien vor und mit ihnen der Einfluss des Islams. Dies bedeutete zugleich das Enden der Antike.

In der folgenden Epoche des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter degenerierte die städtische Kultur und die Menschen wandten sich wieder ländlichen Gemeinschaften zu. Der Feudalismus ersetzte die römische Verwaltungsstruktur mehr schlecht als recht, die damit in kleine Fragmente zerfiel. Die einzige Institution, die den Zusammenbruch des westlichen Reiches überlebte, war die Kirche, die einen Teil des römischen kulturellen Erbes bewahrte und bis zum 14. Jahrhundert Zentrum der Bildung und Wissenschaft war.

Das europäische Mittelalter prägte besonders Karl der Große, der im Jahre 800 römischen Kaiser wurde und in dessen Nachfolge sich das Heilige Römische Reich etablierte. Heiliges Römisches Reich war die offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Spätmittelalter bis 1806. Der Name des Reiches leitet sich vom Anspruch der mittelalterlichen römisch-deutschen Herrscher ab, die die Tradition des antiken Römischen Reiches fortsetzen wollten um die Herrschaft als Gottes heiligen Willen im christlichen Sinne zu legitimieren. Dieses Gebilde erfüllte nie den Anspruch eines homogenen Staatsgebildes, es verzettelte sich zunehmend in politischen Balanceakten zwischen einer imaginären Zentralgewalt (Kaiser) der seine Machtansprüche nie ohne wechselnde Koalitionen mit den Ständen oder Landesherren durchsetzen konnte.

Unter diesen Bedingungen erstarkten die Herrscher der Nationalstaaten, sie wurden mächtig und taten das, was Despoten so auszeichnet, sie verbissen sich in starke Konkurrenzkämpfe mit ihresgleichen um die Vormachtstellung. In Deutschland entstanden so die Staaten im Staat, andere europäische Länder zogen den Zentralstaat vor, wie z. B. Frankreich und Spanien. Die Kirche geriet unter Druck und musste sich mehr und mehr den weltlichen politischen Einflüssen beugen. Fortschritte in den Wissenschaften stellten ihre Lehren zunehmend infrage.

Ab dieser Ära entwickelte die europäische Geschichte die Gegebenheiten, die letzten Endes in einem direkten Bezug zur Gegenwart stehen. Die kommenden Jahrhunderte formten die Menschen im Sinne eines Nationalbewusstseins nachhaltig. In diesem Sinn formte sich auch die gedankliche  Basis der Bewertung  geopolitischer Fragen.

Klaus Schneider Februar 2017