Stur wie ein Maulesel?

 

Das, was unserer Überzeugung entspricht, halten für wahr, ein, in der Funktionsweise des Gehirns, festgelegter Prozess. Erst einmal ein praktischer Vorgang, ohne den der Mensch kaum in der Lage wäre, sich zu orientieren und Entscheidungen zu treffen
Überzeugungen sind Ergebnisse der Erkenntnis aus den Wahrnehmungen der Außenwelt. Wahrnehmung und Erkenntnis sind wiederum abhängig von der sprachlichen und sozialen Struktur, der ein Mensch angehört. Er nimmt nur das wahr, was er erkennen kann, und verarbeitet dieses erfasste Bruchstück, einer viel umfangreicheren Sachlage, zu Erkenntnissen, die seiner Überzeugung zugrunde liegen. Mehr kann er nicht, das ist in der Funktionsweise des Gehirns so festgelegt.

Aus einer Überzeugung bilden sich Werte. Werte sind die primär orientierenden Konventionen, einer jeden menschlichen Daseinsweise. Werte schützen sich aufgrund dieser Relevanz selbst, in dem sie eine robuste Resistenz gegenüber allem, was sie infrage stellen, aufweisen. Sie schützen sich auch gegen alternative Fakten, die sie gefährden können, und seien sie noch so schlüssig und einsehbar. Diese Priorität der Werte lassen nur einen engen, eingeschränkten Spielraum zu, in dem ein gewisser ideeller Leichtsinn Raum finden kann. Zu wenig Platz um relevante, bewährte Auffassungen, infrage zu stellen. In der Regel reicht dieser geistige Freiraum gerade dazu aus, die Bier- oder Schnapssorte und bei entsprechend misslichem Befinden den Ehepartner zu wechseln, beides, in der Regel, nicht existenziell wichtig.

Klaus Schneider Juni 2019

Wert der Vernunft.

 

Die menschliche Gemeinschaft zeigte einen eklatanten Makel auf, sie verführt die Menschen zu einer kritikreduzierten bis kritiklosen Opportunität, die im schlimmsten Fall in einem dümmlichen Stumpfsinn wider eigenen geistigen Interessen endet. Widersprüchlich dazu steht der kompromisslose Narzissmus, wenn Leib und Leben, dem persönlichen Wohlbefinden, seiner körperlichen Unversehrtheit oder in größerem Maß, einer möglichst langen Verweildauer der irdischen Existenz Gefahr droht. Die Menschen wissen letzten Endes weder was sie wollen, noch was sie tun. Vernunft, per definitionem, besitzt keinen allgemeingültigen, moralischen Stellenwert. Vernunft definiert sich im pragmatischen Handeln und ist durch keinen implizierten Anstand oder Moral gekennzeichnet. Sie realisiert sich aus den Eigeninteressen des Individuums.

Klaus Schneider Februar 2019

Neues Jahr, neues Glück?

 

Trügerische Hoffnung, Illusionen auf das große Glück, Veränderung, der Beginn von etwas Besserem als das Gewesene, als das Aktuelle, das Hier und Jetzt.

Doch warum sollte ein von Menschengedanken festgelegtes Zeitmaß etwas ändern? Warum um Himmelswillen sollte ein Datum, willkürlich auf einem in die Zukunft gerichteten Zeitpfeil, an Milliarden von Menschenschicksalen etwas ändern? Der Lauf der physikalischen Zeit nimmt keine Rücksicht auf das Befinden von Menschen. Warum auch.

Das Verlangen nach Veränderungen, nach dem Bessern im Leben, sind an jedem Zeitpunkt eines Lebenslaufes besser platziert als gerade zu einem fixierten Zeitpunkt, einem Jahreswechsel. Die dummen Illusionen auf ein Glück im neuen Jahr, hindern den Menschen, das zu tun, was für all das notwendig wäre: Mit seinem Willen, seiner ganzen Kraft das herbeiführen, was er sich vorstellt, was seine innersten Wünsche fordern. Diese Wünsche sind keine Wünsche an das Universum oder ein imaginäres Glück, es sind Forderungen die Menschen an sich selbst stellen müssen. Nur so wird sich eine Illusion, ein Wunsch in der Realität der Zeit verwirklichen.

Klaus Schneider Dezember 2018

 

Das schlechte – gute Gewissen und die Hoffnung

Albert Schweitzer,(1875 – 1965, deutsch-französischer Arzt, Theologe, Musiker und Kulturphilosoph, Friedensnobelpreisträger), benennt ein „gutes Gewissen“ als die eine Erfindung des Teufels. Er hat recht. Wer einmal das Leid, die Not und Ungerechtigkeit dieser Welt mit all seinen Sinnen wahrnahm, eins wurde mit der Traurigkeit von Millionen leidender Menschen, wird nie sich eines „guten Gewissens als sanftes Ruhekissen“ erfreuen. Dieser Mensch kann nie mehr so unbefangen glücklich werden, wie es ihm ein innewohnendes Verlangen suggerieren möchte. Hilflos steht dieser Mensch, mit seinem „schlechten Gewissen“, einer übermächtigen, bornierten Realität gegenüber, die keine Hoffnung aufkommen lässt, allen Menschen einen Platz an der Sonne einzuräumen. Das Leid, die Not und Ungerechtigkeit dieser Welt, scheinen für alle Zeit den Menschen als ein stereotypes Schicksal diktiert zu sein. Ein Pestgeschwür der Menschheit, von Menschen gemacht und mit deren Egoismus und Herzlosigkeit genährt. Die Macht dessen, der sich schämt für diese Entgleisungen wider den elementaren Naturgesetzen und der Menschlichkeit, ist sein moralisches Potenzial, das mit der Anerkennung seiner Mitschuld, seines schlechten Gewissens, der Hoffnungslosigkeit Widerstand entgegensetzt. Und wenn es nur ein einziger Mensch wäre, der sich auch nur in Gedanken einem innigen Mitleidens öffnet, würde die Hoffnung in ihrer umfassendsten, mächtigsten Form nie enden.

Klaus Schneider Dezember 2018

 

Die Zeit verlogener Gefühle

 

Wie jedes Jahr spendet die morbide Konsumgesellschaft zur Weihnachtszeit Geld für arme, leidende Menschen. Leidlich bis großzügig bemessene Menge Geldes für die Jammergestalten Asiens und Afrikas, für die Überlebenden verheerender Naturgewalten in aller Welt. Auch der eigene Kulturkreis erfreut sich sentimentaler Mildtätigkeit. Die auf dürftige, staatliche Fürsorge angewiesenen Verlierer eines, außer Kontrolle geratenen Wirtschaftswachstums, den an körperlichen und seelischen Gebrechen leidenden Menschen, eben der ganze trübe Bodensatz einer Gesellschaft, werden mit ein paar Euro bedacht.

Ein Akt, dessen Grundgedanke bis ins Mittelalter zurückreicht. Damals begann die katholische Kirche Ablassbriefe zu verkaufen, welche gegen eine beträchtliche Summe Geldes, einen Sündererlass, ein reines Gewissen versprachen. Ein reines Gewissen gegen Geld, wie praktisch, wenigstens für die, welche solches besitzen. Es gehört schon eine beachtliche Portion naive Dreistigkeit, respektive Frechheit dazu, um solchen Unsinn zu glauben bzw. ihn anzubieten.

Damals wie heute, nichts hat sich geändert. Wie auch, es sind die gleichen Kleingeister, ein paar Hundert Jahre ändern in den menschlichen Gehirnen keine Denkstrukturen. Doch etwas änderte sich, eine Kleinigkeit, sie benötigen heutzutage für ihre Ablasszahlung eine Spendenquittung für die nächste Steuererklärung. Dann, ein Jahr später, zur gleichen Zeit, beglücken sie diejenigen Kreaturen, die ein weiteres Jahr überlebten, wieder mit einer noblen Geste, mit ein paar, zu verschmerzenden Euro. Man ist ja ein so guter, edler Mensch und der Seelenfrieden hat wieder ein Jahr seine Ruh. Amen. Die hässliche, egoistische Fratze, raffgieriger Wohlstandsbürger glättet sich, der Blick in den Spiegel der Seele wird erträglich, für ein weiteres Jahr.

Würden diese Wohltäter der Menschheit die restlichen elf Monate des Jahres von ihrer pathologischen Selbstbezogenheit etwas abrücken und den Menschen, die periodisch eine kurze Zeit in den Fokus ihrer Beachtung rücken, ganzjährig etwas Empathie, Beachtung, zukommen lassen, wäre das ein Quantensprung in menschlicher Wertigkeit. Spendenaktionen, so gut sie den Empfängern auch tun, beheben keine strukturell humanitären Probleme, sie machen lediglich abhängig. Abhängig von den miserablen Charakteren derjenigen, die sie das Jahr über mit einer Hand als Störung ihres Befindens von sich fernhalten und mit der anderen Hand zu dem Zeitpunkt etwas füttern, der ihnen in den Kram passt, um dann ideell davon zu profitieren, ganz nach dem bewährten Nützlichkeitsprinzip.

Klaus Schneider Dezember 2018