Mythos Mensch und Menschlichkeit

 

Wem nützt die ganze Schönrederei über das Wesen des Menschen, die Bagatellisierung seiner untauglichen Essenz, seiner pathologisch egoistischen Unvernunft? Niemand, denn so wenig wie aus einem Klumpen Dreck, durch Kaschieren der Oberfläche, dessen Konsistenz sich in Gold verwandelt, so wenig genügt der bloße biologische Organismus des Menschen, dem Anspruch eines humanitären Ethos, einer Menschlichkeit.
Ohne die Erkenntnis der traditionell kognitiven Fehleinschätzung seiner moralisch ethischen Basis, liegt die Möglichkeit einer Korrektur derselben nicht einmal in den Denkmöglichkeiten der Menschen.
Die Spezies Mensch ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Relation zum technischen Fortschritt, den wissenschaftlichen Erkenntnissen, den Bildungs- und Informationsmöglichkeiten, dümmer und einfältiger als sie es jemals in ihrer Geschichte war. Diese Feststellung ist in ihrer Form der Ausdrucksweise noch äußerst sachlich definiert. Die verbale Zurückhaltung ist dem grammatikalischen Problem geschuldet, eine adäquate Steigerung der passenden Adjektive, welche die menschlichen Fehlleistungen beschreibt, zu konstruieren. Es bleibt wohl nur die Möglichkeit, den Superlativ als finale Form der Steigerung zu nutzen und diesen mit dem Wort Mensch zu besetzen. Es würde dann wenigstens die Unerträglichkeit dieser Selbstgefälligkeit beschreiben, die sein Verhalten im Kontext seiner eigenen Ansprüche verursacht.

Klaus Schneider Oktober 2018

Mensch sein

Wie Menschliches zustande kommen könnte und warum es nie zustande kommen wird. (aus „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ Albert Schweitzer 1875-1965)

Der 1875 im Elsass geborene Theologe, Philosoph und Arzt, bekannt als Urwaldarzt von Lambarene, zeigt in seinem Buch  „Ehrfurcht vor dem Leben“, auf, wie eine taugliche Ethik beschaffen sein muss. Er führt konsequente, ethische Grundsätze an, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.
Ethische Prinzipien, die keiner Religion oder Philosophie zu ihrer Legitimation bedürfen, da sie in sich schlüssig und plausibel erscheinen. Die auch keiner Korrektur und Adaption an temporäre Moralitäten bedürfen.
Das ethische Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben ist einfach, zeitlos, universell und doch so prekär in seiner Anforderung, dass diese vom real existierenden, menschlichen Intellekt, kaum umzusetzen ist.
Gut ist, Leben zu erhalten – schlecht ist, Leben zu hemmen und Leben zu zerstören.
Moralisch handelt der Mensch, wenn er sich von seinem bloßen Selbstbezug befreit, die Fremd- und Eigenheiten der anderen Wesen als gleichwertig erkennt, sie miterlebt und mit erleidet. Erst mit diesem Stand der Erkenntnis ist der Mensch das herausragende Geschöpf der Natur. Nur so besitzt er eine Moral oder ein Wertesystem, das ihn von der Natur, der auch er entstammt, wesentlich abhebt. So erhält er ein zeitloses, universelles Wertesystem, eine einfache, plausible Moral, geignet zur Bewertung aller Ideologien, Religionen und seines eigenen Verhaltens.

Die Ehrfurcht oder der Respekt vor dem Leben, vor allem Leben, ist ein Novum in der Natur dieser Erde. Denn die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt Leben hervor und zerstört es. Ob sie es sinnvoll, nach unbekannten Gesetzen tut oder nach dem Zufallsprinzip, ist bis heute nicht schlüssig ergründet. Über alle Stufen des Lebens, der Lebewesen bis zum Menschen, lastet eine markante Unwissenheit. Außer dem unbedingten Willen zum eigenen Leben und bei den Säugetieren noch der Sorge um die eigene Brut, sind sie zu keinem empathischen Verhalten gegenüber anderen Lebewesen fähig. Zu mehr taugt ihr Instinkt nicht. Sie leiden wie alle Wesen, sind aber unfähig das Leiden anderer Lebewesen zu empfinden. Andere Lebewesen der Natur, wie Bakterien und Vieren verfügen, nach heutigem Wissensstand, über keinerlei Bewusstsein, sie existieren und vergehen, erhalten oder vernichten Leben, nicht mehr und nicht weniger. Die Lebewesen der Natur sind schuldlos schuldig, sie sind teleonom auf die Erhaltung ihrer Existenz programmiert, ein „par excellence“ egoistisches Spezifikum.

Klaus Schneider Oktober 2018

Die menschliche Sozietät – Opportunität und Narzissmus

Die menschliche Sozietät zeigte einen eklatanten Makel auf, sie verführt die Menschen zu einer kritikreduzierten bis kritiklosen Opportunität, die im schlimmsten Fall in einem dümmlichen Stumpfsinn wider eigenen geistigen Interessen endet. Widersprüchlich dazu steht der kompromisslose Narzissmus, wenn Hab und Gut, Leib und Leben, dem persönlichen Wohlbefinden, oder in größerem Maß, einer möglichst langen Verweildauer der irdischen Existenz Gefahr droht. Die Menschen wissen letzten Endes weder was sie wollen. noch was sie tun. Vernunft, per definitionem, besitzt keinen allgemeingültigen. moralischen Stellenwert.

Klaus Schneider März 2018

 

Spenden – Der gute Mensch

Wie jedes Jahr spendet die morbide Konsumgesellschaft zur Weihnachtszeit wieder für die armen, hungernden Menschen. Leidlich bemessene Summen Geldes für die Jammergestalten Asiens und Afrikas, für die Überlebenden verheerender Naturgewalten in aller Welt. Auch der eigene Kulturkreis erfreut sich sentimentaler Mildtätigkeit. Die auf dürftige, staatliche Fürsorge ausgelieferten Verlierern eines, außer Kontrolle geratenen Wirtschaftswachstums, den an körperlichen und seelischen Gebrechen leidenden Menschen und der ganze trübe Bodensatz einer Gesellschaft werden bedacht.

Ein Akt, dessen Wurzeln bis ins Mittelalter reichen. Zu dieser Zeit begann die katholischen Kirche Ablassbriefe zu verkaufen, welche gegen eine beträchtliche Summe Geldes einen Sündererlass, ein reines Gewissen versprachen. Ein reines Gewissen gegen Geld, da gehört schon eine beachtliche Portion Dummheit, respektive Frechheit dazu, um solchen Unsinn zu glauben bzw. ihn anzubieten.

Damals wie heute, nichts hat sich geändert. Wie auch, es sind die gleichen Kleingeister, ein paar Hundert Jahre ändern in den menschlichen Gehirnen keine Denkstrukturen. Doch etwas änderte sich, eine Kleinigkeit, sie benötigen heutzutage für ihre Ablasszahlung eine Spendenquittung für die nächste Steuererklärung. Dann, ein Jahr später, zur gleichen Zeit, beglücken sie diejenigen Kreaturen, die ein weiteres Jahr überlebten, wieder mit einer noblen Geste, mit ein paar, zu verschmerzenden Euro, man ist ja ein so guter, edler Mensch und der Seelenfrieden hat wieder ein Jahr seine Ruh.

Das Resultat eines Lebens wären so mit 29 000 Tage Habgier und Arroganz gegen 80 Tage Menschlichkeit zu veranschlagen. Ein miserables Ergebnis.

Klaus Schneider November 2017

Die Melone – Eine kleine Geschichte

 

Ein junger Mann, er war schlecht gekleidet, lediglich mit einer Jogginghose, über die ein altes verwaschenes T-Shirt hing, saß nach vorn gebeugt an einem einfachen Tisch vor einer großen grünen Wassermelone, schnitt Stück für Stück ab und schob hastig große Stücke des blass roten Fruchtfleisches in den Mund. Die Melone war groß, so drei Kilo schwer, der junge Mann stand dem in nichts nach, ca. 1,90 m groß und gut 150 kg schwer. Die Frage, ob ich mich setzen dürfe, bejahte er etwas zaghaft. Gesellschaft schien er nicht gewohnt zu sein, es schien, als würde ihm sichtlich unwohl, sein Blick hastete nun unruhig zwischen der Melone, seinem Messer und mir hin und her. Das war wohl keine gute Idee, warum ließ ich ihn nicht in Ruhe, ich hätte ja auch wieder gehen können, so tun als suche ich jemanden, oder mich an einen der anderen Tische setzen. Trieb mich eine perfide Neugier zu bleiben, wollte ich einfach einen „Dicken“ aus der Nähe betrachten oder tat er mir leid, wie er so alleine da saß, in diesem leeren, kahlen Raum?

Die Situation entspannte sich dann doch rasch, eine, zuerst etwas stockende, dann doch recht lebhafte Unterhaltung kam zustande. Ihm tat es offensichtlich gut in diesem Augenblick nicht mehr allein zu sein, er wirke von Minute zu Minute gelöster, er begann zu reden und erzählte seine Geschichte. Er erzählte sie ohne böse Worte, ruhig und mit sicherer, klarer Stimme.
Sein Leben stand von Geburt an unter einem schlechten Omen. Armut, häufige Erkrankungen der Mutter, von der er sehr liebevoll sprach und unzählige menschliche Enttäuschungen begleiteten ihn stets sehr verlässlich. Freundliche Menschen begegneten ihm selten, Spott und Hohn waren eher zu hören auch Ablehnung und Hass lernte er früh in seinem Leben kennen. Die Gründe dafür waren nichtig, denn Menschen brauchen keine gewichtigen Gründe, um so etwas anderen anzutun. Die psychischen Leiden der Mutter, ihre Dickleibigkeit, sie aß viel zu viel, was sollte sie sonst tun, zu mehr reichte ihre psychische Kraft nicht aus, setzten sie diesen Anfeindungen aus, glaube er heute. Er das Kind, überfordert, tat ihr gleich, was sollte er sonst tun, sie war ja alles, was er hatte, Orientierung und Vorbild.

Sie lebten dann viele Jahre mehr schlecht wie recht für sich alleine, es war besser so, meinte er, da waren die Verletzungen nicht so häufig. Nur das Resultat für ihn war nicht gut, kein Schulabschluss, in Folge nur Gelegenheitsarbeiten, bei denen er nicht selten seinen Lohn nicht ganz, oder gar nicht bekam. Er verstehe das ja manches Mal sogar, seine Leistungen seien nicht immer gut, er strenge sich ja an, aber sein Gewicht mache es ihm nicht leicht.
Oft habe er versucht abzunehmen, es fehle ihm aber das Geld, gute Nahrungsmittel kosten viel Geld, das sie nicht hätten und sie müssten ja beide doch etwas essen. Diese Woche verfügten sie noch über fünf Euro, das reicht für fünf Pack Nudeln, ein paar Fertigsoßen und vielleicht, wenn er günstig ist, einen Salat, der wäre aber dann für Sonntag. Doch da müsse er zuerst schauen, ob sie noch Essig und Öl hätten.
Die Melone, die er heute esse, habe er von einem Obsthändler geschenkt bekommen, nachdem sie diesem auf den Gehsteig gefallen und geplatzt war. Ein Glückstag, eine Melone hätte er noch nie gegessen. Er lächelte glücklich, stand auf und sagte mir er müsse jetzt gehen, er hätte heute noch einen Termin beim Jobcenter. Den zu verpassen wäre eine Katastrophe, die würden ihnen ohne viel Aufhebens ihre Harz 4 Leistungen kürzen und das täte weh.

Eine kleine, aber wahre Geschichte, geschehen in einem der reichsten Länder dieser Erde.

Klaus Schneider August 2017