Ungebundene und stetige Entwicklung ist die existenzielle Bedingung der Evolution. Die Tendenz der Evolution, wie jede andere Entwicklung ist moralisch bedingungslos, auch die menschliche Vernunft spielt hier keine regelnde Rolle. Welche Vernunft, welche Moral könnte überhaupt normgebenden Einfluss beanspruchen? Der Vielfalt von dogmatischen oder wechselwarmen Ideologien, soliden und stimmungsbedingten Meinungen und den, daraus abgeleiteten widersprechenden Begründungen einer jeweiligen Vernunft, ist wohl keine allgemein verbindliche Norm zu entnehmen.
Und doch gibt es ein, der Menschheit gegebenes Element, das die Tendenz von Entwicklungen steuert, oder zumindest manipuliert. Dieses Element ist die Macht, gleich welcher Form, die den Gang der Dinge im jeweiligen hier und jetzt beherrscht, lenkt und gestaltet. Macht gestaltet Entwicklungen nach ihrer Vernunft d.h. zu ihrem Nutzen, zu ihrem Erhalt. Macht ist ein weitreichender Begriff, darunter fällt alles das, was über die Mittel verfügt, ihre Vorstellungen und Ansichten, in der unter ihrem Einfluss stehenden, in ihrer Existenz abhängigen Menschen, durchzusetzen.
Ist unter diesem Aspekt, nicht alles, was an vermeintlich absonderlichem, unlogischem, unmoralischem und unmenschlichem zu beobachten ist, nur eine individuelle Interpretation derjenigen, welche zu jeweiligem Zeitpunkt nicht von den bestimmenden Machtverhältnissen partizipieren oder ihrem Weltbild entspricht?
Ist damit auch das sogenannte Prinzip der Vernunft, bezogen auf den kategorischen Imperativ, der unbedingte Allgemeingültigkeit des Existenzrechtes für alle Menschen fordert, inzwischen ein wechselwarmer Begriff, so wie Anstand antiquiert und entbehrlich. Steht Moral in diesem Konsens zu jeder gefälligen Interpretation derjenigen offen, die über die Macht verfügen, dies zu tun?
So bedrückend es sich auch anfühlt, dem ist wohl heute so, so wie es immer schon war. Bestehende Machtverhältnisse, ob aus Mehrheiten oder über Repression, bestimmten und bestimmen zum Zeitpunkt ihrer Existenz den Gang der Dinge. Die Menschheit hat sich damit arrangiert, sie bilden Oppositionen, wo es möglich ist oder sie ertragen es fatalistisch, als logische oder schicksalsbedingte Notwendigkeit.
Doch Macht ist ein labiler, periodischer Zustand, dies gilt auch für jede positive, gedeihliche Entwicklung von menschlichen Populationen. Macht und positive Entwicklungen stellen sich immer nur temporär für das Segment der Existierenden ein, das zum Zeitpunkt X über das höchste Entwicklungspotential, bzw. die größte Macht verfügt. Die Dynamik einer partiell positiven Entwicklung setzt mangelndes Potenzial des Konkurrierenden voraus. Diese essenzielle Voraussetzung ist jedoch labil und jederzeit umkehrbar. Das hohe Potenzial des Einen fließt bei nachlassender Dynamik, in das geringere Potenzial des Anderen, das damit zunehmend an Dynamik gewinnt und zum gleichwertigen Konkurrenten mit denselben Macht- und Interpretationsansprüchen über Moral, Vernunft und Anstand mutiert.
Konkurrierende Machtgefüge sind, bei widersprüchlicher Ideologie und differierender, wirtschaftlicher Potenz, sehr anfällig für Konflikte. Schattenkriege sind die Regel, Stellvertreterkriege um wirtschaftlichen und politischen Einfluss die Regel und direkte bewaffnete Konflikte jederzeit möglich.
So ist das, was sich aktuell an vermeintlich destruktiven Entwicklungen, international, national, gesellschaftlich, abzeichnet, kein Novum, es entspricht lediglich den Bedingungen der Evolution, der stetigen Entwicklung, bislang zum Erhalt der Spezies. Alles Leben, alle Entwicklung steht zu jedem Zeitpunkt zur Disposition. Bitter, erschreckend, aber doch eine vertraute Tatsache.

Klaus Schneider August 2025

Die Geschichte Europas ist die Geschichte der westlichen Zivilisation, die allgemein als Maßstab für „Zivilisation“ an sich, angesehen wird. Sie entwickelte sich aus dem Mythos einer Götterwelt, dem Substrat geistig, kultureller Entwicklung vieler antiker Kulturen. Nach einer intellektuellen Emanzipation, bei der das Götterwesen infrage gestellt oder wenigstens einen dem praktischen Leben nur geringen rituellen Einfluss zugestanden wurde, entwickelte sich die Hochkultur der Griechen. Eine noch nie da gewesene kontinentale Kultur, mit einer Wissenschaft, die nach dem Wie auch nach dem Warum fragte, die Geburtsstunde einer erkenntnisfähigen Wissenschaft. Auch etablierten sich die politische Systeme, die heute, nach 2 500 Jahren, nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.
Unter dem didaktischem Einfluss griechischer Wissenschaftler und Künstler etablierte sich in dem, den Griechen nachfolgenden, Römischen Imperium, eine griechisch-römische Kultur. Für die Römer bedeutete die Vermengung mit einer höher entwickelten Kultur kein ideelles Problem, sie waren sehr anwendungs- bezogen veranlagt. Was besser war als die etablierten, traditionellen Positionen, wurde im Interesse der Macht, dem Reich einverleibt. Das Imperium gedieh unter solch sachbezogener Verwaltungspolitik – anstatt hemmender dogmatischer Ideologien, prächtig. Es entwickelte sich eine politisch, rechtlich, militärische und wirtschaftliche Genialität, die mit Entstehung der Römischen Republik über die Kaiserzeit fast 1000 Jahre Bestand hatte. Eine sehr lange Zeitdauer, die das kolonisierte Europa entscheidend prägte und formte. Ein Großteil Europas war römisch und entwickelte sich römisch auch aus Ermangelung einer konkurrenzfähigen eigenen Kultur. Eine bis heute sichtbare Tatsache, verdeutlicht an dem noch aktuellen Einfluss des römischen Rechts. Dieses weist einen hohen Abstraktionsgrad auf und verzichtet auf religiöse Legitimation, so dass es einer Anwendung auf die heute existenten Gesellschafts- und Wirtschaftsformen offen steht. In Deutschland ist das aktuelle bürgerliche Recht vom römischen Recht geprägt, was vor allem im Bürgerlichen Gesetzbuch ersichtlich wird.
Das europäische Mittelalter prägte besonders Karl der Große, der im Jahre 800 römischen Kaiser wurde und in dessen Nachfolge sich das Heilige Römische Reich etablierte. Heiliges Römisches Reich war die offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Spätmittelalter bis 1806. Der Name des Reiches leitet sich vom Anspruch der mittelalterlichen römisch-deutschen Herrscher ab, die die Tradition des antiken Römischen Reiches fortsetzen wollten um die Herrschaft als Gottes heiligen Willen im christlichen Sinne zu legitimieren. Dieses Gebilde erfüllte nie den Anspruch eines homogenen Staatsgebildes, es verzettelte sich zunehmend in politischen Balanceakten zwischen einer imaginären Zentralgewalt (Kaiser) der seine Machtansprüche nie ohne wechselnde Koalitionen mit den Ständen oder Landesherren durchsetzen konnte.