Im Interesse des Staates: Unterlassene Hilfeleistung?

Szenario 1: Eine Epidemie in einem europäischen Territorium mit Tausenden von Erkrankten, welche nur durch schnelle Hilfe eine Überlebenschance besitzen. Umliegende Kliniken stoßen schnell an ihre Grenzen, die Versorgung der Erkrankten kann nicht mehr in ausreichendem Umfang erfolgen. Die Verteilung der Erkrankten, über die Peripherie des betroffenen Gebietes hinaus, ist dringend notwendig, es geht um Menschenleben.

Kein Problem, die Frage, ob geholfen wird, stellt sich nicht, es wird geholfen. In Deutschland regelt dies der § 323c über den Straftatbestand der unterlassenen, zumutbaren Hilfeleistung, und lässt keine andere Option offen. Die moralische Bewertung der Handlungsweise ist ebenso, für jedermann einsichtig, und ohne Zweifel als ethisch richtig begründet.

Szenario 2: Identische Situation mit durchaus denkbaren Abweichungen. Angrenzende, rechtstaatlich autonome Länder sind nicht auf die Anforderungen vorbereitet, die eine Hilfeleistung in Fällen solcher Katastrophen mit sich bringt. Die Kapazitäten und Ausstattungen der Kliniken reichen nicht aus und außerdem fürchten die Bewohner Schaden für Leib und Leben sowie ihr Hab und Gut. Was tun?

Auch kein Problem, den Rettungsorganisationen wird, mittels schlichter Rhetorik begründeter Bedenken, die Einreise verweigert. Dass es nicht zu peinlichen Vorfällen auf ihrem Territorium kommt, lassen sie die Transporte schon vor ihren Grenzen mit allerlei perfiden Mitteln sabotieren. Das Sterben der Menschen ist ihnen, gelinde gesagt, scheißegal. Die Gebiete in denen gestorben wird, werden zu Regionen erklärt, in denen kein, sie bindender Rechtsanspruch auf Hilfeleistung, existiert. Solidarität hin, Solidarität her und Menschlichkeit ist kein einklagbares Recht. Eine „Phrase“ die man in Zeiten, in denen sie unangenehmes Engagement fordert, ohne ideelle moralische Probleme, ignorieren darf. Eine Option, welche die christlich- abendländische Kultur seit ihrer Entstehung praktiziert.

Zudem: Der Mensch ist nicht gleich Mensch, Sein Wert ist flexibel, abgestuft nach Nützlichkeit für den, der sich das Recht herausnimmt, dies zu bewerten. Was soll an einem Neger, Nordafrikaner oder Syrer, denn nützlich sein? Sollen sie doch ersaufen, möglichst weit weg aus dem Blickfeld der sensiblen Wahrnehmung europäischer (christlicher) Leitkultur, schließlich hat man ja auch Gefühle.

Noch ist diese Fiktion innerhalb der Territorien der  Demokratien Europas nicht denkbar, noch. Außerhalb dieser Grenzen wird dies Szenario bereits an andersartigen Menschen realisiert. Nur ist zu bedenken, wenn der Damm erst einmal gebrochen ist, gibt es hinter ihm keinen Schutz mehr, für niemanden!
 Perfide Ansichten, schön wäre es, wenn es so wäre, leider ist das gelebte Realität im Jahr 2019.

Klaus Schneider August 2019

Orientierung oder die Idee der Moral

 

Eine Ideal der Moral und Ethik zeigt der 1875 im Elsass geborene Albert Schweitzer, Theologe, Philosoph und Arzt, auch bekannt als Urwaldarzt von Lambarene, in seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, auf. Ethische Grundsätze, die bis heute nichts von ihrer Verbindlichkeit verloren haben, die keine Religion oder weitere philosophische Denkmodelle zu ihrer Legitimation brauchen, da sie in sich schlüssig und plausibel sind. Eine Korrektur und Adaption an vergängliche Moralitäten schließt sich daher aus. Albert Schweitzers Ethik ist zeitlos, einfach, universell und so eklatant dem menschlichen Wesen entgegengesetzt, dass sie vom real existierenden, menschlichen Charakteristikum, kaum zu realisieren sein wird.
Ein einfaches Prinzip liegt der Ethik Albert Schweitzers zugrunde:
Gut ist, Leben zu erhalten – schlecht ist, Leben zu hemmen und Leben zu zerstören.
Moralisch handelt der Mensch, wenn er sich von seinem bloßen Egoismus befreit, die Fremd- und Eigenheiten der anderen Lebewesen als gleichwertig erkennt, sie miterlebt und mit erleidet, er sich mit allen anderen Lebewesen, ohne jede Ausnahme, in eine empathische Verbindung einlässt. Erst mit diesem Bewusstsein ist der Mensch das herausragende Geschöpf der Natur.
Nur so besitzt er eine Moral oder ein Wertesystem, das ihn von der Natur, der auch er entstammt, wesentlich abhebt.
Diese Ehrfurcht oder dieser Respekt vor dem Leben, allem Leben, ist ein Novum der Natur unseres Planeten. Denn die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt Leben hervor und zerstört es, sie kann es nicht anders, sie besitzt keine Moral, keine Ethik nur die Vorgaben ihrer Existenz.
Wenn der Mensch sich schon als Krone der Schöpfung, der Natur bezeichnet, sollte er doch etwas vorweisen, was ihn zu dem macht, was er sich einbildet zu sein.
Schafft er das, oder sollte er lieber seinen Anspruch an seine Wertigkeit reduzieren?

Klaus Schneider Juli 2019

Menschliche Einsichten

 

Mit einem emanzipierten Geist und kritischer Distanz zu dem Wesen seiner eigenen Spezies zeigt sich auf den ersten Blick und ist das nicht der objektivste, eine parasitäre, egoistische Kreatur, kaum in der Lage sich selbst zu ertragen, aber von der sie erhaltenden Natur mit dem größten Recht erwartet, dass sie ihn erhält.
Er der Mensch, entstanden aus einer kosmischen Substanz, die man durchaus als Müll klassifizieren könnte, wie alles was existiert, ignoriert anscheinend den Ursprung seiner Herkunft und seine, nur schwer verständliche Entwicklung, nicht das wie, mehr das warum. Zunächst, aus mangelndem Wissen, entschuldbar, um dann später, mit nun vielerlei Erkenntnis, diese Tatsache mit dem Hinweis auf die Einzigartigkeit seiner Spezies zu verdrängen. Dabei vergessen die Kreaturen nur zu gern, dass diese Singularität ihrer Vorzüge, ohne jeglichen, relativierenden Maßstab, keine objektive Bewertung zulässt.
So bleiben sie ihrer Selbstherrlichkeit tief verbunden, bis das nahe Ableben, die gefühlte Intimität mit dem Tod, diese Arroganz relativiert. Dann wandelt sie sich in ein ängstliches Hoffen auf etwas, was noch kommen könnte, was die nun offenliegende, schwer fassliche und verdauliche Endlichkeit, Wertigkeit und letztendliche Einsamkeit ihrer Existenz überwinden würde, sie sanft in der Illusion ihrer Selbstgefälligkeit weiter existieren ließe. Was für eine Tragödie ein Menschenleben doch offenlegt!

Klaus Schneider Juli 2019

Gute Menschen – Schlechte Menschen

 

Ein ordentlicher, den Regeln einer Gesellschaft entsprechender Lebensablauf, liegt nicht allein im Willen, im Vermögen, im individuellen Potenzial eines Menschen. Einen weit größerer Anteil ist abhängig vom allgemeinen moralischen Zustand einer Gesellschaft und dem Milieu, in dem der einzelne Mensch sein Leben verbringt und nicht zu vergessen, dem Zufall. Auch dass der Wettbewerb in einer Marktwirtschaft Verlierer hervorbringt, was im Wesen dieses Systems liegt, ist plausibel Keine neuen Erkenntnisse, auch keine, die den Intellekt eines durchschnittlich gebildeten Menschen überfordern würde.
Warum aber werden dann Menschen, die nicht den Anstrich der Regel Konformität aufweisen, von einer mit dummer Ignoranz überfressenen Gesellschaft einfach ausgekotzt. Von einer Gesellschaft, die nur ordentliche, optisch attraktive und leistungsfähige Menschen auf der Bühne ihrer Selbstdarstellung duldet. Dort, wo sie besoffen von faulen und vergorenen Idealen, das Hohelied ihrer Dummheit grölen. Immer wieder, denn es ist nicht zu erwarten, dass sie sich besinnen, sie werden bis ans Ende ihrer Tage, den moralisch Sinn eines Lebens nicht begreifen.

Die Moral einer Gesellschaft ist nur so gut, wie sie bei den Schwächsten, den Verlieren ankommt. Sie ist nur so gut, wie sie Ehrfurcht vor dem Leben, jedem Leben, hat und dies nicht mit Worten, sondern mit Taten belegt.

 

Klaus Schneider Juli 2019

Der Mythos von Tatsachen und Fakten

 

Die Begriffe, Fakten, Tatsachen, umgibt ein Mythos eines tatsächlich bestehenden, unbezweifelbaren Umstandes. Der Begriff impliziert das Verlässliche per se. Wenn Tatsachen nur immer diesem hohen Anspruch entsprechen würden, wie einfach wären die Dinge des Lebens zu beurteilen.
In der Rechtswissenschaft sind Tatsachen ein unbestimmter Rechtsbegriff, der in Gesetzestexten zwar vorkommt, aber dort nicht klar festgelegt ist. Als Tatsachen werden sinnlich wahrnehmbare Sachverhalte aus Gegenwart oder Vergangenheit bezeichnet, konkrete Zustände oder Vorgänge, die dem Beweis zugänglich sind.
Der Begriff der Tatsache umfasst hier innere und äußere Tatsachen. Während äußere Tatsachen in der Regel beweisbar sind,  wie Alter, Einkünfte, Echtheit oder Beschaffenheit von Dingen, sind die inneren Tatsachen, die, welche die Palette von möglichen psychischen Zuständen abdecken soll, schon äußerst schwierig zu verifizieren. Diese Tatsachen von einer bloßen Meinungsäußerung oder einem reinem Werturteil zu trennen, das als subjektive Wertungen den Gegenbegriff zum Tatsachenbegriff darstellt, ist äußerst problematisch.
In der Philosophie sind Tatsachen, Einstellungen zu Vorstellungsasoziationen oder Urteile, die sich darin unterschieden, ob die Gründe, aus denen sie für wahr gehalten werden, objektiv-allgemein und plausibel sind. Desweiteren, ob diese Erkenntnisse in einem logischen Sachzusammenhang liegen und alle vernünftigen Wesen, gleicher Einsichtsfähigkeit,überzeugen.
Der wissenschaftstheoretische Positivismus setzt voraus: Soll eine Annahme zu einer Tatsache werden, muss sie durch Beobachtung verifiziert oder zumindest bestätigt werden. Seit der Hinwendung der Philosophie zur Sprache und ihrer sprachlichen Phänomene, steht auch die Annahme im Raum, dass die verwendete Sprache Vorentscheidungen darüber trifft, was als Tatsache in Frage kommt und was nicht.
Eine Menge Ungereimtheiten, die den Begriffen – Tatsachen Faktum Fakt -, den Nimbus, einer über den Dingen stehenden Wahrheit, entzieht. Was einer propagierten Tatsache entspricht, ist in der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kommunikation, überwiegend eine bloße Meinungsäußerung oder ein subjektives Werturteil, dem Gegensatz zu einem verifizierbaren Fakt.
Klaus Schneider Juni 2019