Eine Krise und die engen Grenzen der Vernunft

 

Ein skurriles Szenario: Die Verantwortlichen eines Staates versuchen, eine Bedrohung in den Griff zu bekommen, die, sollte dies nicht gelingen, eine unvorstellbare soziale und wirtschaftliche Katastrophe nach sich ziehen würde. Eine, nicht geringe Anzahl der Bürger dieses Staates, setzt passiven Widerstand dagegen, nicht durch offenen Protest, nur dadurch sichtbar, dass die getroffenen Maßnahmen ohne große Wirkung verpuffen. Sie opponieren, in dem sie im privaten Bereich die, schon restriktiven, in einer Grauzone der Verfassung gelegenen Beschränkungen unterlaufen. Damit aber setzen sie ihre Gesundheit, ihr Leben, das ihrer Mitmenschen, ihren Wohlstand und ihre Zukunft aus Gründen aufs Spiel, die keiner rational begründeten Überlegung entstammen können.

Die Definition von Vernunft legt das ganze, prekäre Dilemma der denkenden Kreatur Mensch in einer solchen existenziellen Bedrohung offen: Denn Vernunft erwächst nur aus der möglichen, geistigen Anlage eines Menschen, Zusammenhänge und die Ordnung des Wahrgenommenen zu erkennen, daraus Einsichten für ein rationales Urteil zu gewinnen und das Handeln danach auszurichten. Das schränkt die Bandbreite eines möglichen, vernunftbegündeten Verhaltens erheblich ein.

Es ist auch nicht zutreffend, diesem passiv opponierenden Personenkreis, das intellektuelle Vermögen abzusprechen, vernunftbegründet handeln zu können, die nun in Anbetracht der gegebenen Situation, sich wider jeder lebenserhaltenden Ratio verhalten. Sicher tummeln sich eine veritable Anzahl Dummköpfe darunter, bei denen das geistige Potenzial lediglich zum Überleben, unter günstigen Bedingungen taugt, doch diese stellen nicht das Problem dar. Das Problem liegt in der irrigen Annahme, dass in der Vernunft die Beweggründe der Handlungsweisen der Menschen zu suchen ist, doch vor jeder Vernunft handelt der Mensch instinktiv, seinem Gefühl folgend, er handelt egozentrisch. Nur das, was er erkennt, was er mit zustimmendem Gefühl sich trägt, besitzt für ihn einen positiven Wert. Alles andere, und seien es noch so elementare Ereignisse, die das Empfinden nicht aktivieren, zu denen er keine merkliche Nähe spürt, mögen ihm zwar ein Unbehagen bereiten, doch solange sie das Befinden nicht direkt verschlechtern, ignoriert der Mensch missliche Umstände, soweit und solange ihm dies möglich ist.

Eine evidente Disposition der menschlichen Psyche, die zu unterschätzen ein fataler Fehler der politisch Verantwortlichen ist. Ein Bewusstsein für die derzeitige, höchst gefährliche Situation, in die Denkstrukturen der Menschen zu bringen, ist nur über die Einbeziehung ihres Gefühls möglich, da anzunehmen ist, dass die Vernunft nachrangigen Einfluss besitzt. Dieses Gefühl, das hier letztendlich eine konstante Wirkung verspricht, ist die Angst, die den Menschen seit Anbeginn seiner Existenz erhaltende Urangst um den Erhalt seines Lebens, seiner möglichen Zukunft, ein fundamentaler, lebenserhaltender Steuerungsmechanismus der Psyche. Erst wenn es gelingt, die Angst als Maxime des Verhaltens zu installieren, wird sich dieses ignorante Veralten zu den Risiken dieser Seuche ändern.

Klaus Schneider Januar 2021

 

 

Solidarität.

 

In Zeiten einer existenzbedrohenden Pandemie, die keine Unterscheidung kennt, scheint der Begriff Solidarität eine Renaissance zu erleben. Ein Relikt vergangener, von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geprägter Zeit, ist über Nacht zu einer unverzichtbaren Bedingung einer möglichen Zukunft mutiert.
Solidarität, besitzt dieses Wort nicht einen seltsamem Klang, besonders im rechten Ohr neoliberaler Apostel und derer naiven Anhänger?
Solidarität, ist das nicht der Begriff, dessen ideologischer Gehalt als untragbar für die Leistungsfähigkeit einer Industriegesellschaft diskreditiert wurde?
Solidarität, ist das nicht der Begriff, der von ganzen Gesellschaften einer zügellosen Konsumsucht zum Fraß vorgeworfen wurde?
Solidarität, war der Begriff in der Debatte um eine, die die Würde achtende, existenzielle Sicherstellung von finanziell schwach gestellten sozialen Schichten, zu hören? – Altersarmut, Dauerarbeitslosigkeit, Krankheit.
Von einer beständigen Solidarität mit Fremden, Flüchtlingen und den anderen Millionen Verlieren der Globalisierung, protektionistischer Handelspolitik und des Klimawandels, gar nicht zu reden.

Nicht Solidarität, sondern Gier und Neid prägte die letzten Jahrzehnte das Denken und Handeln der Gesellschaften. Stimuliert und aufgeputscht von gewinnsüchtigen Investoren, arroganten Industriemagnaten und deren Lakaien, einer Meute korrumpierter Politikerseelen. Leistung um jeden Preis, auch den der Entsolidarisierung einer Gesellschaft, war das monotone Credo maßgeblicher Agitatoren der Gesellschaft.

Aus diesem verdorbenen Substrat soll Solidarität gedeihen? Eine beständige Solidarität sicher nicht, die pure Angst um das eigene Leben lässt eine marginale, sich mehr selbst schützende, Solidarität aufkeimen. Ein temporärer Akt, der mit einem Ende der Pandemie, wie dieses Ende sich auch immer gestaltet, nicht verschwinden wird. Die Jahrzehnte lange Indoktrination wider jeder Solidarität wird ihre Früchte tragen, sie werden uns nicht schmecken und der Preis wird so hoch, dass wir sie uns kaum leisten können.

Klaus Schneider März 2020

Gegen die Macht der Dummheit

 

Marie Freifrau Ebner von Eschenbach, eine mährisch-österreichische Schriftstellerin, war eine der bedeutendsten deutsch-sprachigen Erzählerinnen des 19. Jahr-hunderts. Sie verfasste eine brillante Ansicht von zeitloser Aktualität:
„Der Klügere“ gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.

Dieser Gedanke hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Zu viele Nachgeber bevölkern unsere Gesellschaften- sie sind die Totengräber mühevoll erstrittener gesellschaftlicher Standards, politischer Freiheiten und gewachsener moralischer Werte. Sie sind nicht die Verbrecher, sie sind die Gaffer, die Jammergestalten der Menschheit, zu nichts zu gebrauchen als zu vegetieren und zu erdulden.
Gegen die Dummheit, so vermuteten schon unsere Vorfahren, ist kein Kraut gewachsen, sie ist ein Missgeschick der Evolution, das wir so akzeptieren müssen. Nicht akzeptieren müssen wir dagegen „die Weltherrschaft dieser Dummheit“.

Warum aber geben so viele „Klügere“ nach, verkriechen sich hinter ihrem Intellekt, frei in ihren Gedanken und doch gefangen in ihrem Schweigen?
Sie wissen es doch besser als all die Proleten und Marktschreier, die Stammtischbrüder und Dummschwätzer, deren intellektuelles Niveau ein komplexes Denken per se verbietet.
Sind sie zu faul oder gar zu arrogant sich der offensichtlichen Dummheit zu wider-setzen?
Haben sie Angst ihre Integrität im sozialen Umfeld zu verlieren?  Die Dummen sind zahlreich und überall…
Fürchten sie Isolation, Ausgrenzung, Übergriffe aus der Gesellschaft?

Was außer einer jämmerlichen Existenz bleibt, wenn Ignoranz, Feigheit und Angst den „Klugen“ in die Knie zwingen, ihr seine Würde und Selbstachtung nehmen, sie zu einer Marionette einer schreienden „Dummheit“ machen?

Nichts!

Klaus Schneider April 2017