Mensch sein

Wie Menschliches zustande kommen könnte und warum es nie zustande kommen wird. (aus „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ Albert Schweitzer 1875-1965)

Der 1875 im Elsass geborene Theologe, Philosoph und Arzt, bekannt als Urwaldarzt von Lambarene, zeigt in seinem Buch  „Ehrfurcht vor dem Leben“, auf, wie eine taugliche Ethik beschaffen sein muss. Er führt konsequente, ethische Grundsätze an, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.
Ethische Prinzipien, die keiner Religion oder Philosophie zu ihrer Legitimation bedürfen, da sie in sich schlüssig und plausibel erscheinen. Die auch keiner Korrektur und Adaption an temporäre Moralitäten bedürfen.
Das ethische Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben ist einfach, zeitlos, universell und doch so prekär in seiner Anforderung, dass diese vom real existierenden, menschlichen Intellekt, kaum umzusetzen ist.
Gut ist, Leben zu erhalten – schlecht ist, Leben zu hemmen und Leben zu zerstören.
Moralisch handelt der Mensch, wenn er sich von seinem bloßen Selbstbezug befreit, die Fremd- und Eigenheiten der anderen Wesen als gleichwertig erkennt, sie miterlebt und mit erleidet. Erst mit diesem Stand der Erkenntnis ist der Mensch das herausragende Geschöpf der Natur. Nur so besitzt er eine Moral oder ein Wertesystem, das ihn von der Natur, der auch er entstammt, wesentlich abhebt. So erhält er ein zeitloses, universelles Wertesystem, eine einfache, plausible Moral, geignet zur Bewertung aller Ideologien, Religionen und seines eigenen Verhaltens.

Die Ehrfurcht oder der Respekt vor dem Leben, vor allem Leben, ist ein Novum in der Natur dieser Erde. Denn die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt Leben hervor und zerstört es. Ob sie es sinnvoll, nach unbekannten Gesetzen tut oder nach dem Zufallsprinzip, ist bis heute nicht schlüssig ergründet. Über alle Stufen des Lebens, der Lebewesen bis zum Menschen, lastet eine markante Unwissenheit. Außer dem unbedingten Willen zum eigenen Leben und bei den Säugetieren noch der Sorge um die eigene Brut, sind sie zu keinem empathischen Verhalten gegenüber anderen Lebewesen fähig. Zu mehr taugt ihr Instinkt nicht. Sie leiden wie alle Wesen, sind aber unfähig das Leiden anderer Lebewesen zu empfinden. Andere Lebewesen der Natur, wie Bakterien und Vieren verfügen, nach heutigem Wissensstand, über keinerlei Bewusstsein, sie existieren und vergehen, erhalten oder vernichten Leben, nicht mehr und nicht weniger. Die Lebewesen der Natur sind schuldlos schuldig, sie sind teleonom auf die Erhaltung ihrer Existenz programmiert, ein „par excellence“ egoistisches Spezifikum.

Klaus Schneider Oktober 2018

Anstand – Indiz für die Qualität einer Gesellschaft

Anstand wird als ein selbstverständlich empfundener Maßstab für den Anspruch und die Erwartung an ein verträgliches soziales Verhalten bezeichnet. Anstand bestimmt die Umgangsformen, das Miteinander, die Lebensart und damit die Qualität einer Gesellschaft.
Umgangsformen gestalten die soziale Interaktion innerhalb der Gesellschaft. Während sogenannte „gute Umgangsformen“ als selbstverständlich vorausgesetzt und meist kommentarlos positiv bewertet werden, erregen negative Verhaltensformen (Angeberei, unhöfliches Verhalten, Pöbeleien in verbaler und nonverbaler Form usw.) den Missmut der Betroffenen. Die soziale Interaktion gestaltet das menschliche Miteinander, das gegenseitige Handeln (oder Beeinflussen) von Personen (oder Gruppen), also das Geschehen zwischen Menschen, die aufeinander reagieren, miteinander umgehen, einander beeinflussen, also miteinander leben müssen.
Anstand ist ganz sicher kein Auslaufmodell aus historischen Zeiten. Anstand ist topaktuell, denn er legt die Form, das Niveau des Miteinander fest und bestimmt damit die Lebensqualität eines jedes Menschen. Anstand ist vor allem Respekt – Respekt vor der Würde des Anderen. Diese Würde, die jeder vehement für sich in Anspruch nimmt, mit gutem Recht, ist aber universell, der Andere besitzt den gleichen Anspruch auf Respekt, auf die Unverletzlichkeit seiner Würde. Dies gilt ohne Unterscheidung gesellschaftlicher oder familiärer Stellung, Rang und Namen von Personen. Anstand und Respekt sind ein Naturrecht, dieser Anspruch ist unveräußerlich. Menschen mit Charakter und Niveau, gleich welcher Abstammung und Herkunft, wissen und leben das, es ist ein Teil ihres Wesens. Die Anderen, mögen sie sich noch so cool finden,bilden lediglich den trüben Bodensatz einer Gesellschaft, Sozialschmarotzer – im reinsten Sinn dieser abgedroschenen Phrase – sie profitieren vom Anstand, dem positiven Wirken der Anderen auf und in der Gesellschaft.

Nachsatz- Zitat
Adolph Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge (1752–1796)
Schreibe nicht auf Deine Rechnung das, wovon andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Vorzug oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sei bescheiden genug zu fühlen, dass dies alles vielleicht wegfallen würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, dass man Dich um deinetwillen ehre! Sei lieber das kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eigenem Lichte erleuchtet als ein großer Mond einer fremden Sonne oder gar Trabant eines Planeten!

Klaus Schneider Mai 2017